Demokratie stirbt nicht plötzlich, sie verdunstet

Die Wahlbeteiligung sagt mehr aus als nur die Anzahl der abgegebenen Stimmen. Sie ist ein Seismograf für den Zustand einer Gesellschaft. Eine tiefe Beteiligung kann Ausdruck von Zufriedenheit in Form von Bequemlichkeit sein, aber auch von Resignation oder dem Gefühl, nicht gemeint zu sein. Vor allem aber zeigt sie, wer tatsächlich entscheidet.

«Lediglich 20 Prozent Wahlbeteiligung in Töss», titelte der Landbote nach der Stadtrats-Ersatzwahl vom 8. Juli 2019. Eine von fünf Personen entschied damals darüber, wer künftig mitverantwortet, wie die Stadt ihr Geld ausgibt. Geringe Stimmbeteiligung ist kein abstraktes Problem. Sie hat einen Ort und einen Namen: Töss. In der Schweiz – und noch stärker in Gemeinden, Städten und Quartieren – bestimmen an der Urne überproportional häufig ältere, gut situierte Schweizer Männer ohne Migrationshintergrund. Die Folge ist eine Beteiligungslücke: Die Vielfalt der Bevölkerung spiegelt sich in den Entscheidungen nur ungenügend wider.

Diese Entwicklung ist kein lokales Kuriosum. Weltweit erstarken autoritäre Regierungen. Ein bekanntes Muster zieht sich durch viele Länder: sinkende Beteiligung, zunehmende Polarisierung und die gezielte Schwächung unabhängiger Medien. Demokratie wird nicht abgeschafft, sie wird ausgehöhlt. Leise, schrittweise, scheinbar harmlos. Warum also wählt Töss so spärlich? Gründe gibt es wohl viele: Sprache, fehlende Identifikation, mangelndes Vertrauen oder fehlende Zeit. Klar ist: Es liegt nicht nur am Wahlrecht an sich. Und doch entscheidet gerade die Kommunalpolitik über sehr Konkretes – über Schuleinteilungen, Strassensanierungen oder die Entwicklung des Quartiers. Wer sich nicht beteiligt, überlässt diese Entscheidungen anderen. Zurzeit vor allem jenen, die Sparen für Politik halten.

Der erste Schritt ist banal und unbequem zugleich: hingehen und wählen. Wer darauf verzichtet, verzichtet nicht nur auf abstrakte Pflichtübungen, sondern auf Mitsprache im Alltag. Der zweite Schritt ist Information. Dafür braucht es eine verlässliche, unabhängige Presse, auch auf lokaler Ebene. Wird diese geschwächt, füllen andere die Lücke: lautstarke Interessen, einfache Feindbilder und schnelle Antworten.

Demokratie lebt nicht von Kommentaren im Internet. Sie lebt davon, dass Menschen den Weg zur Urne auf sich nehmen. Am 8. März liegt es auch an Töss, ob weiterhin über das Quartier entschieden wird – oder mit ihm.

Ursprünglich erschienen unter: https://www.toess.ch/de-toessemer-2026-01/

Beitrag teilen:

Facebook
Twitter
LinkedIn
Animation laden...Animation laden...Animation laden...

Newsfeed