Vor kurzem hat die Kita-Eingewöhnung meines Kindes begonnen. Anfang Juni rief mich die Krippenleitung zerknirscht an. «Frau Kalunder, es tut uns sehr leid, aber wir können die Gruppe ‹Bibeli» nicht aufrecht erhalten. Wir haben zu wenig Babies. Sie wissen ja, der Geburtenrückgang…» Die Krippenleiterin hatte absolut Recht: Frauen werden in der Schweiz immer seltener Mütter. Die Geburtenrate ist 2025 auf 1.29 Kinder pro Frau auf einen historischen Tiefstwert gefallen. Ich wusste diffus immer, dass es schwierig ist, in einem der reichsten Länder der Welt Mutter zu werden. Dass ich es nun wirklich geworden bin, hat mir die Augen noch einmal weit geöffnet. Ich habe mit Erschrecken festgestellt, wie sehr wir als Gesellschaft in einer veralteten Struktur festhängen, die es Frauen fast unmöglich macht, nach einer Geburt weiter einer Erwerbsarbeit nachzugehen – und das im Jahr 2026!
Von den elf Frauen in meinem Rückbildungskurs kehrten nach ihrem Mutterschutz nur etwa ein Drittel in ihren Beruf zurück. Mehrere hatten gekündigt, da ihr Job es nicht zuliess, weniger als 80% zu arbeiten. Für mich war immer klar, dass ich weiter arbeiten möchte. Ich könnte auch unter 80% arbeiten, würde dann aber meine Führungsposition verlieren. Die Kita-Kosten für drei Tage Betreuung pro Woche fressen etwa einen Drittel meines Lohnes. Würden wir die Kita fünf Tage pro Woche buchen, verlöre ich trotz der Möglichkeit, 100% zu arbeiten, fast die Hälfte meines Lohnes. Und so sind es weiterhin die Mütter, die die Hauptlast der Kinderbetreuung übernehmen. In der Krabbelgruppe im Familienzentrum Winterthur, die sich einmal pro Woche trifft, sind Väter eine Ausnahme. Frauen stecken zurück, reissen Löcher in ihre finanzielle Vorsorge fürs Alter und büssen im beruflichen Umfeld Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten ein. Die Frage ist für viele junge Menschen nicht, ob sie ein Kind wollen, sondern ob sie es sich leisten können. Diese Frage stellt sich bei einem zweiten Kind noch dringender. Hier muss sich dringend etwas ändern. In Finnland, wo mein Mann herkommt, würden wir nur maximal 335 Euro pro Monat für die Krippe bezahlen. Die Beträge sind – wie in vielen anderen EU-Ländern – gedeckelt, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sichern. Davon sollte sich die Schweiz eine Scheibe abschneiden.
Mirijam Kalunder, Co-Präsidentin SP-Töss