Liebe Genoss:innen
Ein Jahr lang durfte ich mich «höchster Winterthurer» nennen. Ich gebe zu: Der Titel klingt besser, als er sich anfühlt. Denn wer einmal versucht hat, eine hitzige Ratsdebatte um 22.30 Uhr zu einem geordneten Ende zu bringen, weiss: Man fühlt sich dabei selten hoch, eher wie ein Schiedsrichter, dem beide Mannschaften gleichzeitig die gelbe Karte zeigen wollen.
Und trotzdem: Es war ein Privileg. Ich durfte ein Jahr lang diese Stadt repräsentieren – an Jubiläen von Vereinen, an Einbürgerungsfeiern, in Turnhallen, Kirchgemeindehäusern und Quartierzentren. Und ich habe dabei etwas gelernt, das ich heute Abend mit euch teilen möchte: Winterthur funktioniert nicht wegen der grossen Reden – Winterthur funktioniert wegen der vielen Menschen, die Verantwortung füreinander übernehmen. Die Frau, die seit dreissig Jahren den Quartierverein zusammenhält. Der Trainer, der jeden Mittwoch mit Jugendlichen in der Halle steht. Die Freiwilligen im Mittagstisch. Das ist gelebte Solidarität – ohne dass es jemand so nennen würde.
Als Präsident bist du zur Überparteilichkeit verpflichtet. Ein Jahr lang habe ich meine Meinung zurückgehalten, Abstimmungen geleitet, deren Ausgang mir manchmal wehtat, und jedem Ratsmitglied – von ganz links bis ganz rechts – das Wort erteilt, höflich und korrekt. Und wisst ihr was? Das war eine gute Schule. Denn ich habe gesehen, wie kostbar das ist, was wir hier haben: eine Demokratie, in der man sich heftig streitet – und danach zusammen an der Bar steht. In der die Minderheit von heute die Mehrheit von morgen sein kann. In der Macht auf Zeit verliehen wird und friedlich wieder abgegeben wird.
Ich sage das nicht aus Nostalgie. Ich sage es, weil genau das auf dieser Welt gerade keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Denn während ich in Winterthur Sitzungen leitete, ist die Welt nicht stillgestanden – im Gegenteil. In der Ukraine tobt weiterhin ein Angriffskrieg, der uns daran erinnert, dass Imperialismus keine historische Fussnote ist, sondern brutale Gegenwart. Im Nahen Osten sterben Zivilist:innen, während die Weltgemeinschaft zuschaut und das humanitäre Völkerrecht zur Verhandlungsmasse verkommt. In den USA demontiert eine Regierung Stück für Stück den Rechtsstaat, die Wissenschaft, die Pressefreiheit – und ein Teil der Wirtschaftselite applaudiert dazu. Und die Klimakrise? Sie macht keine Pause, nur weil die Schlagzeilen gerade anderen Krisen gehören.
Was verbindet diese Krisen? Aus sozialistischer Sicht ist die Antwort klar: Es ist die alte Frage, wem die Welt gehört. Überall dort, wo Macht und Reichtum sich in wenigen Händen konzentrieren – bei Oligarch:innen, Tech-Milliardär:innen, Autokrat:innen – dort wird Demokratie zur Fassade, dort werden Menschen zu Verfügungsmasse, dort wird der Planet zur Ressource, die man ausbeutet, bis nichts mehr übrig ist. Die Rechte erzählt uns, die Bedrohung komme von unten: von Migrant:innen, von Armen, von den «anderen». Wir wissen es besser. Die Bedrohung kommt von oben – von jenen, die sich der Solidarität entziehen, die keine Steuern zahlen wollen, aber die Regeln schreiben möchten.
Nun könnte man sagen: Schön und gut – aber was kann Winterthur schon ausrichten gegen die Krisen der Welt? Meine Antwort nach diesem Jahr: mehr, als wir denken. Winterthur ist eine Arbeiterstadt. Bei Sulzer, bei Rieter, in den Hallen von Oberwinterthur haben Generationen von Arbeiter:innen nicht nur Maschinen gebaut – sie haben sich organisiert, gekämpft, Rechte erstritten. Der Achtstundentag, die Sozialversicherungen, bezahlbarer Wohnraum: Nichts davon wurde geschenkt. Alles wurde erkämpft – auch hier, in dieser Stadt. Und dieser Kampf geht weiter, nur mit anderen Mitteln.
Wenn wir in Winterthur für gemeinnützigen Wohnungsbau einstehen, dann ist das unsere Antwort auf einen Immobilienmarkt, der Wohnen zur Ware macht. Wenn wir in Tagesschulen, Kitas und Bildung investieren, dann ist das unsere Antwort auf eine Welt, in der die Herkunft immer noch über die Zukunft entscheidet. Wenn wir eine Stadt bauen, die auch in zwanzig Jahren noch lebenswert ist – mit Bäumen statt Hitzeinseln, mit ÖV statt Blechlawinen – dann ist das unser Beitrag gegen die Klimakrise. Die grossen Krisen der Welt werden nicht in Winterthur entschieden. Aber die Antwort auf diese Krisen – Solidarität statt Egoismus, Zusammenhalt statt Spaltung – die wird genau hier gelebt. Oder eben nicht. Jeden Tag, in jedem Quartier, in jeder Budgetdebatte.
Ich habe in diesem Jahr Hunderte von Händen geschüttelt. Und ich habe dabei verstanden: Demokratie ist keine Maschine, die von selbst läuft. Demokratie ist Handarbeit. Sie lebt davon, dass Menschen hingehen, mitmachen, sich einmischen, auch wenn es mühsam ist, auch wenn die Sitzung lange dauert, auch wenn man verliert. Autoritäre Bewegungen weltweit setzen auf Erschöpfung. Sie wollen, dass wir resignieren, dass wir zynisch werden, dass wir sagen: «Es bringt ja eh nichts.» Unsere Antwort darauf kann nur sein: hingehen, mitmachen, dranbleiben. In der Gewerkschaft, im Quartierverein, im Parlament – und ja, auch an der Urne.
Und noch etwas habe ich gelernt: Anstand ist keine Schwäche. Als Präsident musste ich auch jenen zuhören, deren Politik ich für falsch, teilweise für gefährlich halte. Aber der Respekt vor der Person und die Härte in der Sache – das ist kein Widerspruch. Das ist die Grundlage jeder Demokratie. Wer den politischen Gegner zum Feind erklärt, hat den Weg in den Abgrund schon eingeschlagen. Das sehen wir derzeit in zu vielen Ländern.
Liebe Genoss:innen
Mein Jahr als höchster Winterthurer ist vorbei. Der Titel ist weitergegeben, der Tschoopen hängt wieder öfter im Schrank. Was bleibt, ist eine Überzeugung, die stärker ist als vorher: Diese Stadt – mit ihrer Industriegeschichte, ihrer Vereinskultur, ihrer Solidarität im Kleinen – ist der lebende Beweis, dass es anders geht. Dass eine Gesellschaft nicht denen gehören muss, die am lautesten schreien oder am meisten besitzen. Sondern denen, die sie jeden Tag am Laufen halten.
Die Welt ist in der Krise, ja. Aber die Antwort auf diese Krise ist nicht neu. Sie ist so alt wie unsere Bewegung: Es ist die einfache, radikale Idee, dass alle Menschen gleich viel wert sind – und dass wir gemeinsam stärker sind als allein. Dafür lohnt es sich zu kämpfen. In der Welt. In der Schweiz. Und zuallererst: hier, in Winterthur.
Ich danke euch – für dieses Jahr, für euer Vertrauen und für euren Einsatz.
Merci vilmal.