Frauentag 8.März 2004 in Winterthur
Frauen, wacht auf!
Als wir um etwa 06:20 das Transparent über die Stadttor-Werbung am Hauptbahnhof hängten, waren wir selber noch ziemlich verschlafen. Doch die altmodischen Wecker mit den riesigen Glocken änderten das schlagartig. Ziemlich viele Frauen - auf jeden Fall mehr, als ich erwartet hatte - stellten sich vor der grossen Treppe auf und verteilten Flyer zum Frauentag, Ja zur Mutterschaftsversicherung und Nein zur 11. AHV-Revision - unterstützt durch das laute Klingeln der Wecker.
Eigentlich bin ich mir das Flyern gewöhnt. Trotzdem haben mich die Reaktionen der Passantinnen und Passanten erstaunt. Natürlich haben einige sich über die unsanften Weckgeräusche genervt. Aber es gab erstaunlich viele positive Reaktionen. Vorallem von Männern und älteren Frauen. Viele junge Frauen nahmen keinen Flyer oder gaben ihn mir nach kurzem Durchlesen wieder zurück. So sahen sie gar nicht aus und ich konnte sie nicht verstehen. Kurz bevor uns die Füsse nach zwei Stunden definitiv abfroren, tranken wir alle zusammen einen Kaffee im warmen Cooperativo.
Frauen, nehmt Platz!
Je näher unsere Mittagsaktion kam, desto übler wurde das Wetter. Aber wir liessen uns nicht beeindrucken. Um 11:30 durfte ich von einer Hebebühne aus die Marktgasse von oben betrachten und die Justitia mit einem roten Tuch verhüllen. Immer mehr Frauen trafen dazu. Schliesslich waren wir etwas über 80 - wieder mehr, als ich erwartet hatte. Leider waren es vorallem Frauen mittleren Alters - die Jungen fehlten wieder.
Nachdem Sarah den Urschrei ohrenbetäubend vorführte, schrien alle Frauen mit. Es wurde nicht nur ein kleiner Aufschrei, so wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Frauen schrien und lärmten und wollten nicht mehr aufhören. Es schien ihnen richtig Spass zu machen - und mir auch!
Immer näher kam meine eigene Rede und ich wurde von Minute zu Minute nervöser. Aber wenigstens hatte ich jemanden zum Beruhigen, denn schliesslich hielten Vera und ich unsere Rede zusammen. Als wir dann drankamen, begann ein regelrechter Schneesturm. Alle verkrochen sich unter die Vordächer und nur meine zwei Freundinnen hielten sich tapfer gradeaus vor mir. So ging denn auch unsere Rede gut. Sie war kurz und deutlich und sie fand Gefallen.
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!
Am Nachmittag waren wir jungen Frauen alleine. Wir behängten uns mit Schildern, auf denen ein typischer Frauen- oder Männerberuf inklusive Monatslohn geschrieben stand und verteilten Infos zur Lohntransparenz. Das war recht motivierend: viele Frauen waren bereits über den Frauentag informiert.
Wir Frauen sind wütend!
Schliesslich gingen wir zusammen an die Demo. Es war eine tolle Demo! Laut, wütend und bunt. Anschliessend besuchten wir das Frauenfest im Dynamo - ein sehr vielfältiger und wunderschöner Abschluss des Frauentages!
Silvia Lieberherr
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